Von Deutschland nach Santiago de Compostela
Am 09. April 2026 habe ich meine Pilgerreise in Dessau, Sachsen-Anhalt, begonnen. Ich werde auf dieser Seite in kurzen Beiträgen den Verlauf dokumentieren. Begleitet mich auf meiner Wanderung!
Finisterre · 3.096km
Nun habe ich das "Ende der Welt" erreicht, den Kilometerstein 0,0 des Jakobsweges. Vor mir liegt der Atlantik. Hinter mir drängen sich die Leute um den Souveniershop und das Restaurant. Alle machen Fotos. Der Parkplatz ist voller Autos.
Ich werde hier meine Pilgerwanderung beenden. Den ursprünglichen Plan, den Camino del Norte, den Küstenweg, zurückzulaufen und dann bis Bordeaux in Frankreich, habe ich aufgegeben. Gesundheitlich wäre es kein Problem. Aber nach dem Erreichenes des Zieles Santiago de Compostella erscheint es mir wie eine sinnlose Wiederholung bekannter Muster, wie eine Endlosschleife. Es ist kein Abenteuer mehr, täglich 25 bis 30 Kilometer zu laufen, sich von Thunfischkonserven und Baguettes zu ernähren und in mehr oder weniger vollen Schlafsälen zu nächtigen.
Ich sehne mich nach Hause und möchte gern den Rest des Sommes in meinem Haus und in meinem Garten verbringen. Ich freue mich auf selbstgebackenes Brot, ein weichgekochtes Ei zum Frühstück, meinen Lieblingssessel am Abend und mein eigenes Bett.
Die Tickets für die Fernbusse sind gebucht. Das kommende Wochenende verbringe ich bereits zu Hause.
Hier noch die Bilanz für den Juli, den vierten Monat der Wanderung:
Ich bin insgesamt 702km gelaufen, was nach Abzug der drei Pausentage einen Tagesdurchschnitt von 25,0 km ergibt.
In Spanien habe ich wieder etwas mehr Geld ausgegeben, insgesamt 1.444,13 Euro. Das ergibt durchschnittliche tägliche Ausgaben von 46,59 Euro. Ich habe mir von Zeit zu Zeit ein Essen im Restaurant geleistet.

Santiago de Compostella · 3.001km
Am Morgen mit dem Glockenschlag 9 Uhr stand ich vor der Kathedrale. Ich gestehe, ich hatte Tränen in den Augen. Angekommen nach so vielen Wochen Wanderung. In Deutschland blüten die Kirschen, als ich loslief, später pflückte ich sie reif vom Baum. In der Schweiz hatte ich Regen und Kälte, graue Wolken verhüllten die Berge, in Frankreich plagte mich die Hitze. In Spanien wurde es langsam voller auf den Wegen, aber es gab es in jedem Dorf einen guten Espresso.
Auf Anraten in der deutschen Herberge in La Faba hatte ich 10km vor Santiago nochmals eine Übernachtung genommen. Am frühen Morgen waren sowohl der Platz vor der Kathedrale als auch das Pilgerbüro noch recht leer. Dort ist man auf den Ansturm vorbereitet. Am Vortag ließen sich über Zweitausend Pilger ihre Urkunde ausstellen. Dennoch wurde genau geprüft, ob ich wirklich den Weg gelaufen bin. Dann Gratulation und Erhalt der "Compostella".
Unterkunft nahm ich in der "Hospederia San Martin Pinario", einer Klosterherberge gleich neben der Kathedrale, die seit dem 16. Jahrhundert Pilger beherbergt. Als Belohnung leistete ich mir ein Einzelzimmer mit eigenem Bad - welch ein Luxus.
Auch Santiago ist eine Touristenhochburg. Die Gassen der Altstadt quellen am Nachmittag über von Besuchern. Jedes zweite Haus scheint ein Straßencafe zu sein. Dazwischen Andenkenläden und Schmuckgeschäfte. Vor der Pilgermesse um 12 Uhr bildete sich eine Menschenschlange, die sich um das große Gebäude bis zum Vorplatz zog. Morgens konnte ich die Kathedrale noch problemlos besuchen. Also verschob ich meine Teilnahme auf die Vormittagsmesse des nächsten Tages, auch den ausführlichen Besuch der Kirche.
Dann werde ich mir das Touristengedränge nochmals anschauen, eine zweite Nacht in meinem Einzelzimmer genießen und am Samstag früh aufbrechen nach Finesterre.

Melide · 2.946km
Es sind nur noch reichlich 50km bis Santiago und die Herbergen sind nun am Abend komplett belegt. Ein Bett habe ich dennoch jeden Tag problemlos erhalten. Auf dem Weg überholte ich mehrere Gruppen spanischer Jugendlicher mit kleinen Tagesrucksäcken. Einige machten bereits mittags einen müden Eindruck. Aber große Pilgermassen sind das nicht. Auch in den Cafes am Weg ist stets reichlich Platz.
Die galizischen Dörfer haben ihren eigenen Charakter bewahrt. Auch neue Häuser werden aus behauenen Natursteinen errichtet. Typisch sind die Horreo, kleine Häuschen auf Stelzen mit breit überstehender Bodenplatte, die als Vorratsspeicher dienen. Auf dem Giebeln und Schornsteinen der Häuser, selbst der Kirche, beschützen sowohl steinerne Kreuze als auch keltische Phallussymbole gemeinsam das Anwesen.
Das Klima wird vom nahen Atlantik geprägt. Die Temperaturen sind gemäßigt. Ich hatte Frühnebel und Nieselregen, später Sonnenschein.
Neben der Landwirtschaft prägen Wälder die Landschaft. Leider sind es häufig Eukalyptus-Plantagen für die Zellstoffindustrie, die kaum Unterwuchs haben und zudem durch ihren hohen Wasserbedarf den Grundwasserspiegel absenken. Die Monokulturen sind eine Ursache für die häufigen Waldbrände in Spanien. Zum Glück bleibe ich davon verschont und kann mich an der grünen Landschaft erfreuen.

La Faba · 2.836km
Noch ein Ruhetag. An einem besonders ruhigem Ort. Danach dürfte mein leicht lädierter Muskel endgültig wiederhergestellt sein und ich werde in bester Verfassung die restlichen Kilometer zurücklegen.
La Faba ist ein Bergdorf auf 900m Höhe mit wenigen Häusern, einer Gaststätte, die ab 7 Uhr Frühstück anbietet und einer deutschen Herberge. Die beiden Hospitaleros bezeichnen den Ort als "Insel", was eine zutreffende Beschreibung ist. Umgeben von bewaldeten Berghängen sind weder Straßen noch weitere Ortschaften zu sehen.
Die Herberge selbst ist ein ehemaliges Pfarrhaus. Gleich daneben die Feldsteinkirche aus dem 17. Jahrhundert. Beide Gebäude wurden vor 25 Jahren in privater Initiative instandgesetzt. Betrieben wird die Herberge durch den Verein VLTREIA aus Stuttgart, der auch 14-tägig zwei Betreuer entsendet.
Mit beiden hatte ich gestern interessante Gespräche. Der eine möchte die Mongolei bereisen, der andere ist wie ich der Meinung, dass man seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg nur einmal im Leben machen sollte.
Die Räume der Herberge sind großzügig eingerichtet. In den Schlafräumen stehen die Betten in angenehmen Abständen, so dass man sich nicht beengt fühlt. Alles ist sehr sauber gehalten.
Eine weitere ruhige Nacht, dann geht es für mich weiter. Noch eine Woche bis Santiago.

Ponferrada · 2.787km
Nun habe ich die trockenen Ebenen verlassen und gestern den ersten Bergrücken bei Foncebadon überstiegen. Das Dorf hat keine 20 Häuser, aber 6 Herbergen, 2 Hotels, einen Laden und 3 Gaststätten. Sogar ein Geldautomat findet sich. Erstaunlich, was der Tourismus aus einem vergessenen Kaff machen kann. Das Klima ist merklich kühler geworden. Erstmalig seit Wochen bin ich am Morgen mit langer Hose und Jacke gestartet.
Am Morgen war ich auf dem Gebirgskamm am "Cruz de Ferro", wo auf einem Steinhügel ein Pfosten mit dem eisernen Kreuz steht. Hier kann man einen Stein ablegen und mit ihm seine Sorgen und Nöte. Bei mir war es eine Kaurimuschel vom Strand in Papua-Neuguinea.
Am Nachmittag erreichte ich Ponferrada, was wieder im Tal gelegen ist. Die Stadt ist vor allem durch die Burg der Tempelritter bekannt. Diese wurde im 12. Jahrhundert zum Schutz der Jakobspilger errichtet. Nach Auflösung des Ordens baute man im 14. Jahrhundert eine neue Anlage, die im 19. Jahrhundert zunehmend verfiel, bis sie 1924 unter Schutz gestellt wurde. Heute ist es noch immer eine beeindruckende Burganlage, die über der Stadt thront.
Am Pilgerweg finden sich immer wieder Kilometersteine mit Entfernungsangaben. Es sind nur noch reichlich 200km. Ein Gebirge muss noch überquert werden, dann erreiche ich das grüne Galizien und Santiago de Compostella.

Leon · 2.685km
Heute gönne ich mir einen Ruhetag. Mein noch immer leicht geschwollener Unterschenkel dankt es mir bereits. Zwei Nächte hatte ich zudem einen Ibuprofen-Wickel aufgelegt.
Leon ist eine Großstadt mit mehr als 120 Tausend Einwohnern. So ist es nicht verwunderlich, dass sich gleich in Nachbarschaft meiner Herberge ein ausgewachsenes Einkaufszentrum befindet. Nach den Dorfläden der letzten Wochen bin ich vom Angebot überwältigt, fülle meine Reserven auf und leiste mir Brötchen, Butter und Eier.
Vor allem nehme ich mir Zeit für die Kathedrale. Im Gegensatz zu Burgos gefällt mir diese Kirche sofort. Aber man muss auch hier Eintritt zahlen und von Zeit zu Zeit warten, bis eine Touristenherde samt Erklärer weitergezogen ist.
Es sind die schiere Höhe des Innenraumes, die zur Decke strebenden Säulen und das besondere Licht, die eine magische Wirkung erzeugen. Berühmt sind die zahlreichen Glasfenster, die größtenteils aus dem 13. und 14. Jahrhundert stammen. Die gotische Kathedrale hat eine klare Gliederung von drei Hauptschiffen und drei Querschiffen, die auf den Hauptaltar weisen. Später angebaut wurde der Kreuzgang mit Innenhof.
Ich verbringe eine gute Stunde hier, berühre das alte Gestühl und die Säulen, bewundere die Schnitzereien und vertiefe mich in die lebendigen Gesichter der Figuren. Was haben sie über die Jahrhunderte alles gesehen, wie viele Gebete haben sie gehört.

Calzadilla de la Cueza · 2.606km
Nun habe ich es doch noch mit einem schmerzenden Muskel am linken Schienenbein und einer leichten Schwellung zu tun. Die Ursache ist vermutlich nicht Überanstrengung, sondern eine falsche Ernährung seit ich in Spanien bin. Da es hier in jedem Dorf am Pilgerweg kleine Cafes gibt, die Imbiss anbieten, habe ich zwar stets schmackhaft gegessen, aber nicht mehr auf gesunde und eiweißreiche Ernährung geachtet. Zudem ist in der vertrockneten Landschaft kaum ein grünes Blatt zu finden, die ich sonst bündelweise verzehrt hatte.
Ich kaufe nun Nüsse und Kerne als Snacks und achte darauf, dass ich über den Tag Eier, Fisch und Fleisch zu mir nehme. Weiterhin laufe ich kürzere Tagesstrecken von nur 25km. Ich denke, in wenigen Tagen ist alles wieder normal.
Da ich zudem gerade in der weitgehend baum- und schattenlosen Meseta unterwegs bin, ist es gut, mittags das Tagesziel erreicht zu haben. Vor den 200km durch diese Hochebene wird oft gewarnt. Man wandert den ganzen Tag in der Sonne durch eine sich wenig wandelnde Landschaft. Wenn dann, wie heute, ein 17km langer Weg ohne Unterbrechung zur nächsten Ortschaft führt, ziehen sich die Kilometer scheinbar endlos in die Länge. 
Burgos · 2.504km
Es ist eine Großstadt mit Industrie- und Wohngebieten, die man durchqueren muss, bevor man das Zentrum mit ein paar mittelalterlichen Gassen und der berühmten Kathedrale erreicht. Diese präsentiert sich als ein verschachteltes Ungetüm mit verzierten Türmen und Türmchen. Im Inneren ist jeder Quadratmeter mit Ornamenten, Schnitzereien, Gemälden und vergoldeten Figuren dekoriert. Um das Hauptkirchenschiff läuft ein breiter Chorgang, an den 15 Kapellen angegliedert sind. Jede hat einen anderen Charakter und wird durch einen meterhohen Altar dominiert.
Der Bau der Kathedrale wurde 1221 auf dem Gelände der früheren romanischen Kirche begonnen und war der erste gothische Kirchenbau in Spanien. Mehrmals wurde angebaut, bis aus dem ursprünglich kreuzförmigen Grundriss ein Labyrinth von überladenen Haupt- und Nebenkirchen wurde. Jede scheint die andere an Prunk überbieten zu wollen. Einen Raum der schlichten Besinnung, um dem Anspruch als Pilgerkirche gerecht zu werden, sucht man hier vergebens. Die Kathedrale sollte stets durch Protz und Reichtum beeindrucken und den Machtanspruch der Herrscher von Kastilien in enger Verbindung zur katholischen Kirche demonstrieren.
Heute verkauft sie sich sehr gut als Touristenattraktion. Pfeile weisen die Besichtigungsrunde und leiten am Ende durch einen Souveniershop. Arbeitslose, Behinderte und Pilger zahlen ermäßigten Eintritt. 
Cirueña · 2.429km
Der Jakobsweg in Spanien ist oft weniger aufregend, als in Büchern und Videos geschildert. Es stellt sich auch hier ein Alltag ein von Laufen und Quartiersuche, Duschen und Socken waschen, Essen und Ausruhen. Dennoch gibt es Höhepunkte.
Da war die kleine Kirche Santa Maria de Eunate aus dem 12. oder 13. Jahrhundert. Sie hat einen achteckigen Grundriss, ist von einer Arkade und wiederum einer achteckigen Mauer umgeben und wird aufgrund der Ähnlichkeit mit der Grabeskirche in Jerusalem den Templern zugeordnet. Auch wird angenommen, dass die Kirche ebenso wie Notre Dame de Paris und Taj Mahal ein Ort besonderer Kräfte sei.
Nochmals Tausend Jahre älter ist eine von Zypressen gesäumte, gepflasterte Römerstraße samt bogenförmiger Brücke, über die der Pilgerweg bei Cirauqui in der Provinz Navarra führt. Hier wähnt man sich in vergangene Zeiten versetzt.
Eine Kuriosität am Jakobsweg ist der Fuente del Vino, die Weinquelle der Bodega Irache. Hier kann aus einem Hahn kostenlos Wein gezapft werden. Installiert 1991 anlässlich des 100jährigen Jubiläums des Weingutes, wird damit an die Tradition angeknüpft, dass die Mönche des hiesigen Klosters bereits im 11. Jahrhundert Pilgern Wein zur Stärkung anboten.
Der Höhepunkt mancher Tage war jedoch, dass mir, wenn ich verschwitzt und durstig eine Herberge betrat, ein Glas kaltes Minze-Zitronen-Wasser gereicht wurde. 
Lorca · 2.322km
In Pamplona sammelten sich bereits am Vormittag die Leute zum Fest, alle traditionell weiß gekleidet mit einen roten Tuch um Hals oder Hüfte. Während ich mich mit einem Espresso für die weitere Wanderung motivierte, frühstückten die Spanier am Nebentisch Schinken und Rotwein.
Es war die richtige Entscheidung, Pamplona als Übernachtungsort zu meiden. Eine Pilgerin berichtete am nächsten Tag, dass auf den Straßen vor ihrer Herberge bis in die Nacht hinein lautstark gefeiert wurde.
Ich fand in einem kleinen Ort eine Herberge, wo wir zu dritt in einem Schlafsaal mit 20 Betten entspannt die Ruhe genießen konnten.
Bis jetzt kann ich über Ströme von Pilgern nicht klagen. Zwar wanderte ich einen Tag gemeinsam mit einem Norweger, doch wir begegneten nur wenigen anderen.
In Spanien wird entlang des Weges für die Pilger gut gesorgt. In jedem Dorf ist ein Trinkwasserbrunnen, es gibt kleine Cafes und Läden. In der letzten Herberge bekam ich für 15 Euro ein reichliches Abendessen: eine große Schüssel gemischten Salat mit Thunfisch, dann gebratene Hühnerfilets, Pommes Frites und Reis mit Spiegelei, als Nachtisch ein Eis. Dazu gehörte noch eine halbe Flasche Rotwein, auf die ich jedoch verzichtete. Lebensmitteleinkäufe in Supermärkten gehören vermutlich der Vergangenheit an.
Hier noch die Bilanz für den Juni, meinen dritten Monat auf Wanderung: Insgesamt bin ich 770km gelaufen, was einen Tagesdurchschnitt von 25,6km ergibt. Ich habe keine Pausentage eingelegt, aber manchmal die Tagesstrecken verkürzt. Die Ausgaben in Frankreich waren wesentlich geringer als im Vormonat und betrugen 1.086,23 Euro, damit durchschnittlich 36,21 Euro am Tag. 
Zabaldika · 2.273km
Der Überquerung der Pyrenäen war einfacher als erwartet. Zwar waren noch mehr als 600 Höhenmeter zu bewältigen, aber die Anstiege waren mäßig und man konnte gut laufen. Beim Abmarsch in Orisson stieg gerade die Sonne über die Bergkämme, während die Täler durch feine Nebelschwaden wie von Spinnweben verhüllt waren.
Die Masse der gleichzeitig gestarteten Pilger verteilte sich recht schnell auf den Serpentinen. Nach etwa einer Stunde schien ich allein auf dem Weg zu sein. In den Hochlagen bedeckte lediglich kurzes, grünes Gras die geschwungenen Hänge zwischen denen braune Felskuppen hervorschauten. Ich wähnte mich in der mongolischen Steppe. Als dann auch noch ein paar Pferde neben dem Weg grasten, war das Bild perfekt.
Die Grenze nach Spanien war nicht markiert. Lediglich ein Gedenkstein informierte, dass wir jetzt die Provinz Narvarra betreten.
In Roncesvalles bekam ich meinen ersten spanischen Espresso und zwei Dörfer entfernt, in Espinal, ein schmackhaftes Stück Omelett. Nach der Übernachtung marschierte ich heute bis Zabaldika, einem Ort mit wenigen Häusern, jedoch einer Pilgerherberge. Die Kirche wurde im 13. Jahrhundert gebaut, seitdem nicht verändert und bewahrt eine mystische Atmosphäre. Pamplona werde ich morgen nur durchqueren. Dort beginnen bereits die Stierläufe und Festumzüge. Die Stadt wird voller Touristen sein. 
Saint-Jean-Pied-de-Port · 2.209km
Nach einer kurzen Etappe von nur 20km hatte ich das Städtchen bereits Mittags erreicht und gönnte mir einen Espresso. Die letzte Herberge in Ostabat hatte ich komplett für mich allein. Es war die billigste im Ort ohne Frühstück. Doch der Eigentümer begrüßte mich am Abend mit einem Glas Portwein.
Viele Pilger beginnen ihre Wanderung in Saint-Jean-Pied-de-Port. Die kleine baskische Stadt hat sich dem angepasst. In den Gassen reihen sich Souvenier- und Pilgershops, Restaurants, Cafes, kleine Hotels und Herbergen. Einen normalen Supermarkt fand ich erst am Stadtrand. Gemächlich schlendernde Touristen und Pilger mit großen Rucksäcken dominieren das Straßenbild. Und dann rattert auch noch ein Touristenzüglein im Schneckentempo durch die Gassen. Aber ich konnte alles einkaufen, was mir fehlte. In einem Gewürzladen sogar Kümmel (verwenden die Franzosen nicht in ihrer Küche), indischen Curry, Cumin und Rosa Beeren.
Morgen beginne ich den Aufstieg in die Pyrenäen. Da mehr als 1400 Höhenmeter zu bewältigen sind, gehe am ersten Tag nur 8km bis Orisson, übernachte dort und setze am nächsten Morgen fort.
Nun beginnt wieder ein neuer Abschnitt auf meiner Wanderung. Ich bin gespannt, wie es mir zwischen den vielen Mitpilgern ergeht und was mich in Spanien erwartet. 
Navarrenx · 2.147km
Nur noch 3 Tage bis Saint-Jean-Pied-de-Port, den Beginn des spanischen Jakobsweges. Vorab meine Zusammenfassung zur Wanderung durch Frankreich:
Es ist eine Freude, durch das Land zu laufen. Die Leute grüßen freundlich, auch die jungen Frauen lächeln einen an.
Meine Befürchtung, es könnte aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse problematisch werden, hat sich nicht bestätigt. Auch Leute, die kaum Englisch sprachen, bemühten sich um eine Verständigung. Selbst Telefonate zur Bestellung einer Übernachtung klappten problemlos.
Interesssant war die zunehmend tropischer werdende Natur mit Palmen und Bananenstauden in den Gärten. Zu den Häusern führen großzügige Einfahrten durch Rasenflächen. Bei alten Gehöften bilden moderne Fenster einen interessanten Gegensatz zu den Natursteinmauern.
Die kleinen Städte haben mittelalterliche Zentren, mit einer großen Kirche, ein paar Cafes und Geschäften. Von der Hauptstraße biegen schmale, dunkle Gassen ab, in denen die Zeit stehen geblieben scheint.
Bäcker und Fleischer gibt es in jedem größeren Dorf, auch Läden, die lokale Produkte anbieten. Das ländliche Frankreich hat seinen eigenen Charakter bewahrt, ist lebendig und betriebsam, aber niemals hektisch. In vielen Orten wurde mir die Wasserflasche aufgefüllt oder der Weg gewiesen. 
Nogaro · 2.040km
Heute morgen bedeckter Himmel und angenehme 22 Grad. Nach der Hitze der letzten zehn Tage eine Wohltat. Die Temperaturen steigen am Nachmittag oft auf 38 bis 40 Grad. Ich stehe daher zeitig auf, frühstücke und laufe dann mehrere Stunden ohne Pause, um möglichst viel Strecke am Morgen hinter mich zu bringen. Das Marschieren in der grillenden Sonne ist belastend, vor allem ab Mittag. Spätestens 14 Uhr bin ich am Ziel, total durchgeschwitzt und durstig. Die Tagesstrecken verkürze ich nicht und laufe auch an heißen Tagen manchmal über 30km.
Zur Übernachtung wähle ich möglichst Orte, in denen es Geschäfte oder einen Supermarkt gibt. Stets schaue ich mir zuerst die Küchenausstattung meiner Unterkunft an und entscheide dann, was ich zum Abendessen einkaufe. Gestern gab es Kartoffelbrei und Steak, heute Rührei mit Schinken und Frühlingszwiebeln. Zur Not tun es auch ein Baguette, Tomaten und ein Glas Leberpastete.
Das in manchen Herbergen angebotene Essen für einen Aufpreis von 20 bis 25 Euro nehme ich ungern. Das Abendessen wird erst nach 19 Uhr serviert und dauert mindestens eine Stunde. Meist gibt einen Auflauf, dazu eine Suppe oder Salat. Auf Käseplatte und süße Nachspeise verzichte ich. Das Frühstück besteht aus dünnem Kaffee, Weißbrot und Marmelade. Nichts zum Start in einen Wandertag (siehe Blogeintrag vom 07.06.26). Und die Gespräche beim Essen drehen sich um den vergangenen Wandertag (am Abend), um den kommenden Wandertag (am Morgen), um das Wetter und die Blasen an den Füßen. 
Lectoure · 1.964km
Mit Le Puy veränderte sich der Charakter meiner Wanderung. Bis dahin war ich allein unterwegs und traf nur in wenigen Herbergen auf Pilger.
In Le Puy dagegen versammelten sich zur Pilgermesse über Hundert Teilnehmer mit ihren Rucksäcken. Das verteilte sich dann zwar über die Strecke, aber seitdem habe ich ständig Leute vor und hinter mir. Auch die Herbergen, die vordem wie Ferienwohnungen waren, können nun in mehreren Schlafräumen 20 Pilger und mehr beherbergen.
Deutsche treffe ich nur wenige. Es sind meist Franzosen, die durch ihr Land pilgern. Sie starten in Le Puy und laufen bis Conques, Figeac oder Cahors, einige auch bis Saint-Jean-Pied-de-Port.
Alle haben einen Pilgerführer im Rucksack und studieren abends ihr Buch. Dennoch hinterfragt niemand den vorgegebenen Weg, mag er auch noch so viele Umwege machen. Manchmal biegt der Pfad von der Landstraße ab, führt bergauf zu einem Dorf und zurück zur Straße. Vielleicht hat man dort ein Cafe und Imbiss eingerichtet. Oder der Weg verläuft durch die Wiesen und entlang der Waldränder, damit die Gruppen von Pilgern den Straßenverkehr nicht behindern.
Mit den ursprünglichen Jakobswegen hat das sicher wenig gemein, da die Pilger des Mittelalters schlicht den Handelsstraßen folgten.
Ich verstehe den ausgeschilderten Weg als einen Vorschlag und entscheide an Hand der Landkarte selbst, wie ich von A nach B laufen möchte. Als ich das eines Abends erwähnte, stieß ich auf Unverständnis, ja Ablehnung, als wären wir in einem Wettkampf, bei dem die Regeln einzuhalten sind.
Heißt es nicht, jeder Weg nach Santiago sei ein Jakobsweg? Und sollte nicht ohnehin jeder seinem eigenen Weg folgen, vor allem bei einer spirituellen Reise? 
Lascabanes · 1.872km
Gestern in Cahors hatte ich eine der schlechtesten Herbergen überhaupt. Heruntergekommen und ungepflegt, mit einem dicken, schielenden Glatzkopf, der mich strickt anwies, Rucksack und Schuhe in der zum Lager umgebauten Garage zu deponieren und nur die benötigten Sachen mit in den Schlafraum zu nehmen. Die Zimmer waren heiß und stickig und voll belegt. Es gab nur eine Toilette für cirka 15 Gäste auf der Etage.
Die Stadt Cahors, obwohl ein Pilgerzentrum, verdient offenbar besser an Touristen. Im historischen Stadtzentrum reihen sich Boutiquen und Kunstläden, Straßencafes und Restaurants.
Erst in der dritten Herberge konnte ich ein Bett ergattern. Die anderen beiden Pilgerunterkünfte sahen ebenso verlottert aus wie meine.
Einen Tag zuvor, im Dorf Varaire, wurde ich in die Herberge, einem restaurierten Bauernhaus, schon kurz nach Mittag hereingebeten und durfte mich im Pool abkühlen. Der Kühlschrank war voller kalter Getränke. Das tat gut, denn nachmittags steigen die Temperaturen auf knapp 40 Grad. Mein Essen, noch einmal Buchweizen, Eier und Gemüse, konnte ich in einer perfekt ausgestatteten Küche zubereiten. In meinem Zimmer blieb ich allein.
Für beide Unterkünfte zahlte ich übrigens den gleichen Preis, 20 Euro. 
Cajarc · 1.799km
Conques, ein paar Häuser in eine Schlucht gezwängt, 230 Einwohner und täglich mehrfach so viele Touristen. Magnet ist die monumentale Klosterkirche der ehemaligen Abtei. Begründet wurde der Ort durch einen Einsiedlermönch, später ein Benediktiner-Kloster gebaut.
Bedeutung erhielt Conques durch den Reliquienschrein der heiligen Fides, eines 13jährigen Mädchens, was im Jahr 303 zum Tode verurteilt wurde, weil es sich weigerte, die heidnischen Götter anzubeten. Im 12. und 13. Jahrhundert erlebte die Stadt ihre Blütezeit und bot Dienstleistungen für Pilger auf dem Weg nach Santiago an.
Der Bau der Pilgerkirche mit mehreren Nebenkapellen wurde 1041 begonnen und zu Beginn des 12. Jahrhunderts beendet. Beindruckend ist das Mittelschiff von 56m Länge und 22m Höhe. Es hat eine magische Wirkung.
Mit der Pilgerwanderung hat sich auch mein Verhältnis zu Kirchen verändert. Durch meine Konfessionslosigkeit fühlte ich mich früher in Kirchen fehl am Platz. Heute betrete ich Kirchen mit dem Recht des Pilgers, um mir in Kühle und Ruhe eine Pause der Besinnung zu gönnen. Jede Kirche beeindruckt auf ihre Weise. Immer nehme ich neue Energie auf und setze meinen Weg mit Optimismus fort. 
Golinhac · 1.705km
Das Aubrac, eine karge Hochebene auf 1000m über NN, scheint aus der Zeit gefallen. Bis zum Horizont zieht sich ein hügeliges Grasland ohne Staßen oder Häuser. Alles ist mit ein paar niedrigen Steinmauern und etwas Stacheldraht in Weiden unterteilt. Kleine Herden rotbrauner Rinder liegen im Gras und bewegen gemächlich die Kiefer beim Wiederkäuen. Ein paar Grillen zirpen. Machmal streicht ein Windhauch durch den Ginster am Wegrand. Sonst: Stille. Ein hoher, blauer Himmel, frische 15 Grad und eine wärmenden Sonne.
Im Dorf Aubrac, nachdem der Landstrich benannt wurde, wurde im 12. Jahrhundert ein Kloster und Hospiz gegründet. Geblieben ist davon nur eine monumantale Kirche, die in dem kleinen, verschlafenen Ort mit 500 Einwohnern deplaziert wirkt. Unterhalb der Kirche werben ein Imbiss und ein Cafe um Gäste. In der Ortsmitte gibt es sogar ein Restaurant und ein Hotel.
Mittlerweile habe ich das kühle Hochland verlassen und laufe durch das Lot-Tal. Ab Mittag: Hitze. Die Sonne weicht den Asphalt auf. Auf dem Campingplatz, wo ich heute übernachte, ist der Pool eine Wohltat. 
Aumont-Aubrac · 1.612km
In der Pilgerherberge kam ich mir gestern zwischen den französischen Kurzstreckenpilgern wie ein Alien vor. Keine Gespräche. Niemand sprach Englisch. Beim gemeinsamen Abendessen beschänkte sich die Konversation auf die Frage, wo ich hinlaufe. Nach Santiago, antwortete ich. Allgemeine Anerkennung. Ob ich auch in Le Puy losgelaufen sei? Nein, sagte ich, in Deutschland. Schlagartig wurden alle still. Dann stammelte einer: Oh. Respekt.
Am Morgen war ich einer der letzten, der startete. Ich hatte mir nach der dünnen Frühstücksbrühe noch einen Kaffee gemacht. Dennoch überholte ich alle nach und nach. Ich werde sie kaum wiedertreffen, denn meine heutige Tagesstrecke betrug 32km.
Hier noch die Statistik des 2. Monats:
Zurückgelegte Strecke: 691km. Abzüglich der drei Pausentage ergibt das einen Tagesdurchschnitt von 24,7km. Das ist einerseits den Bergen in der Schweiz als auch dem Wetter geschuldet.
Ausgaben: 1.744,10 Euro, täglich durchschnittlich 56,26 Euro. Ursache: das höhere Preisniveau in der Schweiz. Die letzten Tage in Frankreich konnten das nicht wieder ausgleichen. 
Erfahrungen nach 1500km Wanderung
Keine Blasen, Verspannungen, Gelenk- oder Muskelschmerzen, der Körper beginnt, sich an das tägliche Laufen zu gewöhnen. Es ist eine Umstellung, die seine Zeit braucht. Bei der täglichen Morgengymnastik spüre ich genau, wenn der Bewegungsapparat nicht im Normalbereich ist. Ich fühle mich mittlerweile wie vor Beginn der Wanderung. Offenbar funktionieren Erholung und Regeneration sehr gut.
Ich esse fast täglich Eier, auch Fleisch, Fisch, Käse und manchmal lokale Wurst. Dazu oft Bündel an grünem Blattgemüse. Nahrungsergänzungsmittel nehme ich nicht. Nüsse ergänzen oft das Frühstück, da nur weißes Brot mit Butter und Marmelade, wie meist angeboten, mir durch die Insulin-Ausschüttung den Blutzuckerspiegel senkt und ich über eine Stunde energielos dahinlaufe. Mittags reichen ein paar Haferkekse.
Meine Ausrüstung wurde an die Sommerbedingungen angepasst, Isomatte und Quilt ausgetauscht. Zusätzlich ist ein dünnes Laplap im Gepäck. Den Schlauchschal habe ich verschenkt, Merinosocken und Moskitonetz entsorgt.
Die Schuhe haben die 1500km durchgehalten und kamen in den Müll. Ebenso ein Paar Socken.
Beim heftigsten Regentag meiner Wanderungen (6 Stunden zum Teil starker Regen) versagten sowohl die Regenjacke als auch der Rucksack. Für letzteren habe ich nun einen Müllsack als Liner, der den Rucksack innen auskleidet.
Jetzt wird neu gepackt. Morgen geht es weiter durch Frankreich. Ich freue mich auf den Weg. 
Le Puy-en-Velay · 1.528km
Schon von Weitem erkannte ich die Silhouette der Stadt mit der Madonnenstatue auf dem Felsen. Ich bin bereits gestern hier angekommen, da ich zwei kurze Wandertage zusammengelegt hatte.
In der Herberge wurde mir mein Paket ausgehändigt, ich bekam ein Bett und machte mich ans Auspacken. Dann verstaute ich die dicke Isomatte und den warmen Daunenquilt im Karton. Tape zum Verschließen des Kartons fand ich erst im zweiten Supermarkt am Stadtrand. Das Abschicken schaffte ich, kurz bevor die Post zumachte.
Heute vormittag besuchte ich als erstes einen Barbershop umd ließ mir den Kopf rasieren. Auf dem Wochenmarkt bekam ich frische Erdbeeren und an einem afrikanischen Stand gebratene Fleischspieße und Somozas.
Dann war Zeit für die Kathedrale. Das Innere beeindruckt durch Größe und die Höhe der Kuppeln. Bekannt sind die schwarze Madonna und die Statue des Jakobus. Hier werde ich am Montag früh an der Pilgermesse teilnehmen.
1509km bis Santiago. Halbzeit. Da gönne ich mir zwei Pausentage. Morgen besuche ich die Kapelle Saint Michel, die auf der Spitze eines Basaltkegels steht und die eiserne Marienstatue auf dem benachbarten Felsen. 
Saint-Julien-Molin-Molette · 1.443km
Heute habe ich das Rhone-Tal verlassen und wurde mit einem letzten Blick über die Landschaft belohnt.
Vor ein paar Tagen habe ich mir die Besteigung der Berge entlang des Flusses erspart und statt dessen eine alternative Route im Tal gewählt, die zuerst einer Straße dann einem Radwanderweg folgte.
Trotz der Hitze der letzten Tage waren es gute Wanderungen durch die Dörfer. Am Morgen sangen die Vögel, es duftete nach frischem Heu, nach blühenden Linden und Jasmin. Die kleinen Wege durch die Wiesen sind von Walnüssen und Esskastanien gesäumt. Mehrmals kam ich an Maulbeerbäumen voller reifer Früchte vorbei. Einmal durchquerte ich eine Kirschplantage, deren Bäume voll hingen. Mit dem Obstgenuss muss ich mich jedoch zurückhalten, da die Fruktose abführend wirkt.
In der letzten Herberge traf ich drei fröhliche, ältere Damen aus der Schweiz, die stets nicht nur reichliche Lunch-Pakete im Gepäck haben, sondern auch eine Thermosflasche mit gekühltem Weißwein. Jeder pilgert auf seine Weise.
Nun sind es nur noch reichlich 100km bis Le Puy-en-Velay, meinem nächsten Etappenziel. Am Samstag möchte ich da sein. 
Yenne · 1.303km
Frankreich begrüßt mich mit Baguettes und einer perfekten Fleischpastete mit Nüssen. Dazu noch Eier und Tomaten aus dem nächsten kleinen Laden. Das wird ein perfektes Abendessen.
Ich bin heute nur 15km gelaufen, da als nächstes knapp 700m Höhenunterschied zu bewältigen sind. Das sind die Gebirgsränder, durch die sich die Rhone zwängt. Das besser morgen früh als am Nachmittag bei Sonne und 30 Grad. Man wird ohnehin ab 10 Uhr von der Sonne gegrillt. Ich verkürze mittlerweile die Tagesstrecken, damit ich gegen Mittag mein Ziel erreiche.
Ich bin wieder auf einem Campingplatz, einem kleinen an der Rhone, speziell für Kanuten. Es gibt eine Küche, wo ich mir meine Rühreier brate.
Gestern war ich in einer privaten Herberge der einzige Gast. Zuvor war es ein verwahrloster Zeltplatz mit 7 oder 8 Dauercampern, die in alten Wohnwagen offensichtlich ihren permanenten Wohnsitz hatten. Doch sie waren nett. Bei einem durfte ich mein Bier in den Kühlschrank stellen.
Beim Zelten der letzten Tage stellte ich fest, dass mein Daunenquilt viel zu dick ist. Ich werde ihn, wie auch die Isomatte gegen die dünneren Sommervarianten, die noch zu Hause sind, austauschen. Noch etwas für das Versorgungspaket aus der Heimat, das für mich in Kürze nach Frankreich geht. 
Neydens · 1.230km
Nachdem ich die letzte Nacht auf einem preiswerten Zeltplatz bei Lausanne verbrachte, nahm ich heute früh ein Schiff nach Genf und marschierte dann weiter über die Grenze nach Frankreich. Hier bin ich wieder auf einem Campingplatz.
Angekommen in Genf traf ich auf dem Weg zwei deutsche Pilgerinnen und zu meiner Überraschung meinen alten Bekannten aus der Herberge Rapperswil. Durch meinen Pausentag und die kurzen Tagesstrecken hat er mich wieder eingeholt.
Meine Zusammenfassung zur Wanderung durch die Schweiz: Ein hübsches Land mit freundlichen Menschen. Landschaften wie aus dem Bilderbuch mit Schneegipfeln in der Ferne, Blumenwiesen mit braunen Kühen im Vordergrund und einzelne Höfen. Die Städte haben hübsch restaurierte Zentren mit Läden, Straßencafes und Restaurants. Im französischen Teil verliert sich diese Idylle schrittweise.
Das Preisniveau ist höher als in Deutschland. Der Döner kostete 11 Schweizer Franken.
Es gibt ein paar preiswerte Pilgerherbergen. Für private Unterkünfte zahlte ich meist 50 bis 60 SF.
Das Klima in der westlichen Schweiz ist mild. In den Vorgärten findet man kleine Palmen und Feigenbäume. Heute gab es die ersten reifen Kirschen am Weg. 
Romont · 1.166km
Heute habe ich den "Röstigraben" überschritten und befinde mich im französischsprachigen Teil der Schweiz. Jetzt grüßen mich die Leute statt mit "Grüezi" mit "Bonjour". Dennoch war es unproblematisch, in einem Cafe einen Espresso zu bestellen und mir die Wasserflasche auffüllen zu lassen. Die Übernachtungen frage ich jetzt per Email an, wobei ich ein Übersetzungsprogramm benutze. Das klappt sehr gut. Manche Antworten bekomme ich auf deutsch, da ich stets schreibe, dass ich als Pilger aus Deutschland komme.
Da in Fribourg kein Bett zu finden war, suchte ich mir zwei Dörfer davor, in Sankt Antoni, eine Unterkunft. Es war eine "Villa Kunterbunt", vollgestopft mit Unmengen Büchern und Kempel. Die Eigentümerin verkauft seit Jahren auf Trödelmärkten.
So hatte ich gestern eine kurze Strecke und heute eine lange. Ich war froh, als ich nach 34km in der prallen Sonne meine Unterkunft in Romont erreichte. Fribourg zeigte mir selbst beim Durchlaufen die Schönheit des alten Stadtzentrums.
Das Highlight der letzten Tage war jedoch die private Unterkunft in einem Gartenhäuschen mit Blick über den Thuner See und Jacuzzi-Benutzung im Garten. 
Interlaken · 1.065km
Der Name der Stadt hat seinen Ursprung im lateinischen "inter lacus" (zwischen den Seen). Das sind der Brienzersee im Osten und der Thunersee im Westen. Interlaken ist eine der Touristenhochburgen der Schweiz. Das Zentrum ist überschwemmt mit Besuchern aus allen Teilen der Welt, die Restaurants und Boutiquen belagern. Erst im zweiten Backpackerhotel konnte ich ein Bett bekommen. Das winzige Zimmer ist mit drei Doppelstockbetten vollgestellt, die alle belegt sind. Das wird bestimmt eine unruhige Nacht.
Zum Ausgleich war die vorherige in der Pilgerherberge Brienzwiler sehr ruhig und angenehm. Ich war der einzige Gast und wurde von den Betreuern der Herberge, einem Ehepaar aus Bayern, geradezu verwöhnt. Es gab ein Abendessen aus Salat, Suppe und Hauptgericht, dazu ein lokales Bier. Die Gespräche waren ebenfalls interessant, da die beiden nicht nur den Jakobsweg gegangen sind, sondern sich auch dabei kennengelernt hatten.
Die Touristenstadt hatte immerhin einen Vorteil für mich. Es gibt einen "Decathlon", wo ich ein neue Wandersocken kaufen konnte. Meine bekommen Löcher. Sie werden ja auch täglich strapaziert.
Nun liegen die Regentage endlich hinter mir. Morgen kann ich kann den Blick auf die Berge genießen. Bis jetzt waren sie meist in dicke, graue Wolken gehüllt. 
Schwyz · 978km
Pausentag im Backpackerhotel in Schwyz. Ich bekam ein preiswertes 4-Bett Zimmer, was ich allein bewohne. Da es einen kostenlosen Welcome Drink gab und zum Hotel ein Pub gehört, nahm ich gern ein Guinness.
Bevor ich gestern auf der bekannten Holzbrücke den Zürichsee überquerte, war ich in der Pilgerherberge in Rapperswil. Hier traf ich die ersten wirklichen Pilger. Der eine kam aus Holland und ist dort am 1. April gestartet. Er läuft den Franziskusweg nach Rom. Der zweite ist aus der Pfalz und hat Santiago zum Ziel. Beide hatten wesentlich größere und schwerere Rucksäcke als ich und waren interessiert an meiner sparsamen Ausrüstung. So verging der Abend mit Fachsimpeln.
Am nächsten Tag war nach einer Pause im Kloster Einsiedeln noch genügend Zeit, gleich bis Schwyz zu laufen. Allerdings führten die letzten 10km heftig bergauf, denn ich hatte den Haggenagg-Pass auf 1414m zu überqueren, den höchsten Punkt des schweizerischen Jakobsweges. Auf dem Bergkamm lag unter den Bäumen noch Schnee. Abwärts ging es ebenso steil ins Tal.
Am Morgen spürte ich Oberschenkel und Zehengelenke. Grund genug für eine Pause. Zudem regnet es immer wieder. Heute abend gibt es im Pub nochmals ein Guinness. 
Wattwil · 917km
Grüezi. Willkommen im "Heidi-Land", über dem leider dicke, graue Wolken hängen. Heute bin ich nur 13km gelaufen, um den angekündigten Regenschauern zu entgehen. Dennoch erwischte ich ein paar Tropfen, als ich kurz vor meiner Ankunft aus dem Supermarkt kam.
Jetzt habe ich ein Stübchen im ehemaligen Kloster Sankt Maria der Engel in Wattwil. Heute betreibt die Fazenda da Esperanca hier ein geistliches Begegnungszentrum, das offen ist für Vereine, Firmengruppen, Schulen und Pilger. Es werden zudem Süchtige betreut. Im Pächterhaus lebt eine Wohngemeinschaft von Ehemaligen, die sich auf ein Leben frei von Sucht vorbereiten.
Das Kloster ist eine bescheidene Anlage auf einem Hügel, von den Einheimischen liebevoll das "Klösterli" genannt. In den niedrigen Gängen und Stuben scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Wer mag die Holztüren mit den geschmiedeten Klinken schon alles geöffnet haben? Im Speisesaal abgescheuerte hölzerne Tische und ein riesiger Kachelofen. Hier werde ich morgen gemeinsam mit den Bewohnern frühstücken. 
Lindau · 861km
Vor mir liegt der Bodensee. Genau einen Monat bin ich jetzt auf Pilgerwanderung. Ein guter Moment, Bilanz zu ziehen.
In den 30 Tagen habe ich 861km zurückgelegt. Abzüglich der drei Pausentage ergibt das einen Tagesdurchschnitt von 32,9km. An manchen Tagen ging ich nur 15 bis 17km, an anderen 40. Es wanderte sich sehr gut. Ich bekam weder Blasen noch Schmerzen. Die Füße belohnte ich früh und abends mit einer kleinen Massage.
Für Übernachtungen, Essen und ein paar Drogerieartikel gab ich insgesamt 1.323,32 Euro aus, durchschnittlich 44,11 Euro pro Tag. Die Spanne der Übernachtungspreise reichte von 10 bis 80 Euro, bei den höheren Preisen war das Frühstück oft inbegriffen.
Die Pilgerherbergen haben meist eine Küche, so dass ich in Supermärkten für das Abendessen einkaufte. Heute gab es bei mir Spargel mit Spiegelei.
Ich habe unterwegs viele beeindruckende Kirchen besucht, traf hilfsbereite und interessierte Menschen, von denen manche am liebsten mitgewandert wären. Morgen werde ich mit der Fähre den Bodensee überqueren und meine Wanderung in der Schweiz fortsetzen. 
Kempten · 792km
Nach zwei Tagen Pause im "Pfaffenwinkel" (es gab hier in jedem zweiten Ort ein Kloster) möchte ich noch auf das Wessobrunner Gebet aus dem Jahr 814 n. Chr. hinweisen. Es gilt als älteste christliche Dichtung.
Nun bin ich nach drei Tagen Wanderung im Allgäu angekommen. In der Pilgerherberge in Marktoberdorf traf ich gestern drei Frauen, die von Zeit zu Zeit ein paar Tage auf dem Jakobsweg laufen. Sie bekämpften ihre Fuß- und Rückenschmerzen am Abend mit Wein. Hier in Kempten habe ich ein großes Zimmer auf einem Bauernhof bekommen. Ein Ratschlag der gestrigen Gastgeber. Sie sind früher ebenfalls gepilgert und haben mir weitere Herbergen auf dem Weg empfohlen. 
Paterzell · 700km
Angekommen im Alpenvorland. Bereits vom Lech bei Epfach hatte man einen wundervollen Blick auf die Alpen mit der Zugspitze. Diesem Panorama werde ich jetzt mit jedem Tag näher kommen.
Heute gönne ich mir einen Pausentag bei meinem alten Freund Joergi, den ich bereits aus der Mongolei kenne. Wir sind ins Nachbardorf gefahren zum traditionellen Aufstellen des Maibaumes. Voran eine Blaskapelle, wurde der 35m lange, blau-weiß bemalte Stamm mit Pferden zum Dorfplatz gefahren. Das Aufrichten übernahmen die jungen Männern des Dorfes, selbstverständlich per Hand. Die Bänke der Festwiese waren waren alle besetzt, die meisten kamen in Dirndl und Lederhosen. Bier wurde ausgeschenkt. Auf Grill und Bratspießen brutzelte das Fleisch. Mein Freund stellte mich unzähligen Leuten vor, dem Bürgermeister, dem Pfarrer, Nachbarn und Bekannten. Es herrschte eine Stimmung wie das Wetter: blauer Himmel, Sonne und nicht ein Wölkchen. 
Augsburg · 623km
Heute hatte ich einen wundervollen Start in den Tag. Im ehemaligen Benediktienerinnen-Kloster Holzen, mittlerweile ein schickes Tagungshotel, bekam ich ein preiswertes Pilgerzimmer einschließlich Frühstück. Das Buffet am Morgen ließ keine Wünsche offen: Rührei, Schinken, Lachs, Wurst, Gemüse, Müsli, Obst, Säfte, Tee, Kaffee, Espresso. So gestärkt lief es sich gut bis Augsburg.
Die Pilgerunterkunft war eine komplett eingerichtete Wohnung mit zwei Zimmern, Küche und Bad.
Hier traf ich zum ersten Mal eine Mitpilgerin. Sie stammte aus Tirol und geht seit Jahren kürzere Etappen auf verschiedenen Pilgerwegen. Nach Santiago pilgerte sie über den portugiesischen Jakobsweg.
Für mich geht es morgen weiter nach Landsberg am Lech, wo ich mich mit einem alten Freund treffen will. 
Wemding · 552km
Das ist einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte Bayerns mit der Basilika Maria Brünnlein. Das Zentrum der prunkvollen Kirche ist der Altar mit der Muttergottesfigur über dem heilkräftigen Brunnen. Das Wasser darf man trinken oder sich etwas abfüllen.
Ich hoffe der kleine Schluck hilft mir, auch die nächsten 500km ohne Probleme zu laufen.
Morgens ist es jetzt eine Freude, in den frischen, sonnigen Tag hinein zu wandern. Die Obstbäume stehen in voller Blüte. Vögel singen. Häufig grüßen mich die Leute. Ein Mann blieb stehen, deutete auf die goldene Jakobsmuschel an meiner Brusttasche und fragte: Jakobspilger? Als ich bejahte, antwortete er lächelnd: Sind ja nur noch 2500km bis Santiago.
Ich bin optimistisch. Im Kloster Holzen und in Augsburg konnte ich problemlos die Unterkünfte buchen. 
Nürnberg · 467km
Mein Körper hat sich gut an das tägliche Marschieren gewöhnt. Lediglich am linken kleinen Zeh entwickelte sich gestern eine Druckstelle. Nachdem ich heute statt der neuen Merinosocken wieder die einfachen Synthetik-Socken trug, die sich im letzten Jahr bewährt hatten, ist alles wieder normal. Keine Blase.
Eine weitere Erfahrung: Mit dem Überschreiten der nicht mehr erkennbaren Grenze der ehemaligen DDR wird das Finden einer preiswerten Unterkunft schwieriger. In Sachsen und Thüringen bekam ich problemlos ein Pilgerzimmer für 10 bis 15 Euro.
Angekommen in Bayern sollte die Unterkunft in der Diözese Vierzehnheiligen 56 Euro kosten, wobei ich glücklicherweise im benachbarten Mutterhaus der Franziskusschwestern ein Zimmer für nur 30 Euro erhalten konnte. Um in Bamberg eine Unterkunft zu finden, telefonierte ich über eine Stunde. Gästehaus im Kloster, Jugendherberge, Hostel - alles ausgebucht. Schließlich nahm ich ein Hotelzimmer für 72 Euro, die billigste Option, die ich finden konnte.
Manchmal gelang es mir, erfolgreich zu verhandeln, wie im Hotel Burg Abenberg. Obwohl als Pilgerunterkunft ausgewiesen, verlangte man 90 Euro. Ich erklärte meine Situation als Pilger und dass ich maximal 50 Euro für eine Übernachtung zahlen könnte - und bekam ein Zimmer für diesen Preis. Gestern hatte ich ebenfalls Glück und erhielt in einem Gasthof für nur 25 Euro ein nicht mehr genutztes Zimmer im Kellergeschoss. Hier in Nürnberg bin ich privat bei einer Familie, die ebenfalls Pilger sind.
So wird die tägliche Suche nach einer Unterkunft zur neuen Herausforderung auf dieser Pilgerwanderung. 
Schalkau · 296km
Der Rennsteig ist überstiegen und der Thüringer Wald liegt hinter mir. Auf den Bergkämmen stehen reihenweise abgestorbene Fichten. Viele Hänge sind komplett abgeholzt. Die Wege sind grob geschottert - für die Trucks der Holzwirtschaft.
Ich bin in Schalkau, einem Städtchen an der ehemaligen Grenze der DDR. Morgen erreiche ich Oberfranken. Meine Füße haben ohne zu klagen 296km zurückgelegt.
Da für heute reichlich Regen vorhergesagt wurde, gönne ich mir einen Ruhetag in einer Ferienwohnung. Gestern kaufte ich großzügig ein. Heute wird alles verzehrt, Süßkartoffeln, Hühnchenfleisch, Frischkäse, Manderinen, Bananen, Brötchen, Eier. Sogar zwei Bier habe ich am Abend genossen. Morgen früh geht es weiter nach Coburg. 
Erfurt · 212km
Nach mehreren Regentagen erreichte ich heute bei schönstem Sonnenschein Erfurt. Ich bin jetzt eine Woche unterwegs und habe 212km zurückgelegt. Es läuft sich gut.
In Erfurt verlasse ich die Via Regia und folge dem Jakobsweg nach Süden in Richtung Coburg. Dabei durchlaufe ich den Thüringer Wald und kreuze den Rennsteig, meinen Wanderweg vor zwei Jahren. 
Naumburg · 132km
Nach vier Tagen Wanderung und 132km bin ich in Naumburg angekommen. Unterkunft habe ich in der Pilgerherberge am Domplatz bekommen. Im Dom, dessen Besuch zu empfehlen ist, erhielt ich nicht nur einen Pilgerstempel, sondern auch kostenlosen Eintritt.
Nachtrag: Am zweiten Tag entledigte ich mich des Langarmshirts und der 250ml Brennspiritus. Camping ist bei diesen Temperaturen nicht geplant. Mein Rucksackgewicht beträgt jetzt, in Abhängigkeit der Kleidung am Körper und der Nahrungsmittel zwischen 6,5 und 6,8kg. 